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Vorsprung durch Technik

Mit fortschreitender Digitalisierung hat auch in der Gießerei-Industrie ein Wandel eingesetzt,
der die 5000 Jahre alte Fertigungstechnologie von Grund auf verändert. Die meist
düsteren Werkshallen, in denen Gießer Schwerstarbeit verrichten, werden sich über kurz
oder lang in High-Tech-Fertigungsstätten verwandeln, die mit den rasanten Veränderungen
unserer Welt mithalten. Und nicht nur die großen Branchen-Player können den
Wandel überstehen, auch die Chancen kleiner- und mittlerer Betriebe, die das Gros der
deutschen Gießereien ausmachen, sind gut, wie ein Besuch bei Industrie 4.0-Pionier
Christenguss in der Schweiz zeigt.

Noch wabern Begriffe wie 3-D-Druck und Industrie 4.0 ohne genaueres Verständnis in unserem Kopf herum. Der Mensch braucht Anschauungsbeispiele und Visionäre, die sie umsetzen, um sich ein klar umrissenes Bild von neuen Technologien zu machen. Ein solcher Visionär ist Florian Christen, Geschäftsführer von Christenguss im schweizerischen Bergdietikon und bekennender Elon Musk-Fan. Nun hat Tesla-Mitbegründer Musk zwar noch nicht viel mit Industrie 4.0 zu tun, doch seine Elektroautos, das Raketenprogramm Space X und seine Ideen von energieautarken Wohnhäusern und der Überschall-U-Bahn Hyperloop faszinieren Millionen von Menschen – und täglich wächst die Fangemeinde.

Musks Ideen haben Christen beflügelt, seinen eigenen Betrieb mit den Augen eines Visionärs zu betrachten. Und Musks Mut, Visionen wahr werden zu lassen, haben ihm die Kraft gegeben, seinen 17-Mann-Betrieb zu einem Pionier in Sachen Industrie 4.0 zu machen. Um jedoch Millionen in den Umbau seines Betriebs zu investieren, mussten noch wirtschaftliche Gründe hinzukommen. Und die gibt es in der Schweiz von heute reichlich, denn die industriellen Bedingungen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend verschlechtert: die Währung ist extrem stark, die Löhne ebenfalls und Förderprogramme wie im EU-Ausland fehlen. Zunächst stützte die schweizerische Nationalbank den Wechselkurs zum Euro noch künstlich – Anfang 2015 gab sie auch das auf. „Da wurde mir klar, dass wir mit 08/15-Fertigung nicht mehr weiterkommen“, erzählt der 33-jährige Florian Christen. Einen wirtschaftlichen Lichtblick gibt es in der Schweiz aber doch – und das sind die niedrigen Energiepreise. Das Land profitiert davon, dass Nachbar Deutschland große Mengen an erneuerbarem Strom produziert, die er selber nicht nutzen kann und deshalb billig an die Schweiz und andere Nachbarn verkauft. Gute Bedingungen also für den Einsatz eines 3-D-Druckers – elementarer Bestandteil der Sandgießerei der Zukunft. Ende 2015 installierte Christenguss eine Anlage von ExOne, Gersthofen, die Anfang 2016 in Betrieb ging. Inklusive Peripherie und Installation nahm Christenguss dafür rund 1,5 Millionen Schweizer Franken in die Hand.

Um in der Schweiz noch wettbewerbsfähig produzieren zu können, geht nun alles in Richtung High End-Produktion“, fasst Christen zusammen und ergänzt: „Sonst ist das Preisniveau nicht zu halten.“ Geschäftsgrundlage ist deshalb heute zunehmend der Bereich „Speed“, also Bauteile, die unerwartet kaputt gegangen oder vergessen worden sind und nun umgehend gefertigt und ausgeliefert werden müssen. Essenzielle Teile nennt Christen diese für den Anlagenbetrieb besonders wichtigen Gussteile, bei denen es manchmal lediglich um ein einzelnes Bauteil geht. „In der Starkstromindustrie kostet ein Anlagenstillstand z. B. pro Tag rund 250 000 Euro – da spielt es keine Rolle, wenn das übers Wochenende gefertigte Bauteil zehn, zwanzig oder dreißigtausend Euro kostet“, betont der Familienunternehmer. 50 bis 60 Prozent Geschäftsanteil hat der Bereich Speed bereits – den Rest der rund 7 Millionen Euro Umsatz im Jahr machen Aufträge mit einem Zeithorizont von 2-3 Monaten aus. Die Produktpalette enthält Bauteile aus sandgegossenen Aluminium- und Kupferlegierungen für den Spezialmaschinenbau, die Starkstromindustrie, den Pumpenbau, Förderanlagen für Flüssigstickstoff, Verteidigungstechnik sowie landwirtschaftliche
Anlagen. Zu den über 300 Kunden gehören Hilti, ABB, General Electric, Siemens Verkehrstechnik, Bombardier, Rheinmetall, General Dynamics und zahlreiche sogenannte Hidden Champions aus der Schweiz, also kleine und mittlere Unternehmen, die in ihrem Geschäftsbereich Weltmarktführer sind. Die Fertigungsmenge ist dabei recht bescheiden: 120 Tonnen Aluminiumguss und rund 40 Tonnen Kupferguss verlassen das Werk jedes Jahr. Die durchschnittliche Losgröße beträgt 15 Stück.
 

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pdf-Datei aus "GIESSEREI" Heft 7/2017 Seiten 91-97
© Giesserei-Verlag GmbH Düsseldorf
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XXL-Kernpaket aus dem 3-D-Drucker von Christenguss in Bergdietikon, Schweiz.

Foto: Andreas Bednareck