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Gießerei-Know-how sichert Großauftrag aus Nahost
VON KLAUS VOLLRATH, AARWANGEN, SCHWEIZ

Wenn es um außergewöhnliche Bauvorhaben geht, steht natürlich der Architekt im Mittelpunkt. Doch hinter dem Architekten, der kühne Dinge entwirft, die so noch nie realisiert wurden, stehen wie die sprichwörtlichen Heinzelmännchen industrielle Praktiker und Macher. Sie tragen dafür Sorge, dass die Vision des Architekten in reale, belastbare Strukturen umgesetzt werden kann. Da sind unzählige technische Details zu klären, Werkstoffe und Verfahren ausfindig zu machen, Schwierigkeiten zu überwinden und nicht zuletzt Termine einzuhalten. Hier bewähren sich die für Deutschland typischen mittelständischen Betriebe, die sich mit technischer Kompetenz, unternehmerischem Mut und solider Arbeit auch gegen starke internationale Konkurrenz behaupten und Aufträge nach Deutschland holen können.

Innenansicht eines der zahlreichen beweglichen Oberlichter. Trotz ihres immensen Gewichts lässt die elegante Tragstruktur aus Knoten, Riegeln und Glas ein Maximum an Licht durch. (Foto: RVA)

"In Mekka, der heiligen Stadt des Islam, wird derzeit eine Architekturvision der Superlative realisiert“, weiß Martin Meenen, Geschäftsführer der Aquatec GmbH in Emmerich. Das Unternehmen, dessen Kernkompetenz die Herstellung großformatiger Wasserstrahlzuschnitte für eine Vielzahl von Anwendungen in der Industrie, im Handwerk und in der Architektur ist, hat sich dank erfolgreicher Durchführung einiger bahnbrechender Vorhaben inzwischen als Allroundtalent bei der Realisierung selbst sehr komplexer, technisch wie logistisch extrem herausfordernder Projekte u. a. im Architekturbereich einen Namen gemacht. Bei dem hier angesprochenen Bauvorhaben geht es um die Erweiterung eines bedeutenden religiösen Zentrums um mehr als 130 000 m2 in mehreren Etagen. Dabei müssen Ansprüche erfüllt werden, die deutlich über die Standards bei vergleichbaren Projekten in europäischen Ländern hinausgehen. Dies betrifft sowohl die Auswahl der eingesetzten Materialien als auch die Ansprüche an die Verarbeitung: Bei beidem wird nur höchste Qualität akzeptiert. Die Verantwortung für die Realisierung der hier gezeigten Bereiche lag bei der deutschen Firma Riva Engineering GmbH in Backnang.

„Auf den Dachflächen des Gebäudekomplexes sind großflächige, verschiebbare Oberlichter – sogenannte Skylights – angeordnet, durch welche Licht und bei Bedarf auch Luft in die darunter liegenden Bereiche gelangen sollen“, erläutert Martin Meenen. Diese Oberlichter haben Abmessungen von bis zu 17 x 28 m und sind mit 50 mm dicken Scheiben verglast, die zusammen mehrere Hundert Tonnen wiegen. Aufgrund dieses hohen Gewichts muss die Tragkonstruktion der Skylights sehr hohe Kräfte aufnehmen. Dennoch soll sie dekorativ und vor allem filigran wirken. Hierfür entwarfen die Architekten eine elegante Tragstruktur aus Knoten und Riegeln, die ein Maximum an Licht durchlassen soll. Aus Gründen der Statik ist diese Struktur ähnlich wie ein Uhrglas nach oben gewölbt. Die Anpassung an diese Wölbung erzwingt wiederum eine sehr komplexe, dreidimensional verdrehte Geometrie der einzelnen Knotenelemente und der sie verbindenden Riegel.

Das hohe Gewicht der Skylights – bei der großen Ausführung wiegt allein das Traggerüst rund 160 t – bedingte besonders hohe Anforderungen an die Festigkeit des verwendeten Stahls. Da dies mit herkömmlichen Edelstahlwerkstoffen nicht darzustellen war, musste hochfester Duplex-Edelstahl verwendet werden. Dieses Material hat eine wesentlich höhere Festigkeit als die sonst üblichen austenitischen Edelstähle und zeichnet sich zudem durch besondere Korrosionsbeständigkeit aus. Hieraus waren Riegel mit Längen von bis zu 3000 mm und Höhen von bis zu 500 mm bei Wanddicken von bis zu 75 mm zu schneiden. Allein die Beschaffung des erforderlichen Materials war schon eine Herausforderung, da hierfür Bleche mit besonders engen Toleranzen und höchstmöglicher Ebenheit beschafft werden mussten, eine Spezifikation, die in ganz Europa nur ein einziger Anbieter erfüllen konnte.

Klaus Vollrath, Redaktionsbüro Klaus Vollrath Aarwangen, Schweiz

www.aquatec-ndrh.de
www.schmees.com

 
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pdf-Datei aus "GIESSEREI" Heft 12/2018 Seiten 56-59
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