Fachartikel

Historische und aktuelle Aspekte des Glockengusses
VON HANNS MARTIN RINCKER, SINN/HESSEN

Glocken sind gegossene Musikinstrumente. Seit Jahrhunderten bereits werden sie im „traditionellen Lehmformverfahren“ hergestellt, einem Verfahren, das es für die gute Glocke zu schützen gilt. Um wieder international wettbewerbsfähig zu werden, wird zugleich weiter geforscht und experimentiert, bis ein Ersatz für das teure Verfahren gefunden ist. Hanns Martin Rincker, Geschäftsführender Gesellschafter der Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn/Hessen, über historische und aktuelle Aspekte des Glockengießens.

Abguss einer Glocke in der Glockengießerei Rincker in Sinn. Rincker ist eine von fünf Glockengießereien in Deutschland. Die Anwesenheit von Geistlichen, die die Glocken segnen, gehört traditionell zum Glockenabguss dazu. (Foto: Rincker Glockengießerei)

Um das Lehmformverfahren zu schützen und damit die Zukunft der guten Glocke sicherzustellen, hat der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie unlängst die „BDG-Richtlinie F1“ herausgegeben: „Das traditionelle Lehmformverfahren zum Herstellen von Läuteglocken“. Diese soll nicht dazu dienen, Traditionen zu schützen, sie soll helfen, so lange dieses spezielle Verfahren zu bewahren, bis ein preislich und musikalisch besseres gefunden sein möge. Alle bisherigen Versuche, andere Form- und/oder Gießverfahren, andere Formstoffe, andere Legierungen zu finden, sind stets gescheitert. Die Läuteglocke, die im – in Mitteleuropa seit etwa dem 12. Jahrhundert bekannten – traditionellen Lehmformverfahren geformt, sowie in einer sogenannten Glockenbronze mit 78–80 % Kupfer, 20–22 % Zinn, sowie max. 2 % weiteren Legierungsbestandteilen gegossen wird, ist im Grunde bis heute qualitativ unerreicht. Darum sind auch die guten Glockensachverständigen in Deutschland hierbei ausschließlich gleicher Meinung und verteidigen ebenfalls ausnahmslos dieses Verfahren, das in Mitteleuropa flächendeckend nur noch bei den verbliebenen fünf Glockengießern in Deutschland angewendet wird, sowie bei dem letzten schweizerischen Glockengießer (grundsätzlich auch bei Südeuropäern, diese allerdings sind musikalisch und qualitativ nicht mehr konkurrenzfähig).

In den Anfängen stand die Blechglocke. Sie wurde aus einem Eisen- oder Kupferblech gefalzt und genietet, ähnlich den uns heute noch bekannten Tierglocken.

In den europäischen Regionen unterschiedlich schnell, spätestens aber etwa seit der ersten nachchristlichen Jahrtausendwende, wurde nun das Gießen von Glocken eingeführt. Trotz des seinerzeit hohen technischen Aufwandes, sowie der immensen Kosten bei der Beschaffung des notwendigen Anteils an Kupfer und Zinn, hat sich die gegossene Glocke überall schnell durchgesetzt. Sie wurde ausschließlich waagerecht geformt. Ihr Gussmodell wurde aus Bienenwachs erstellt, in dieses hat man Inschriften und einfache Zier eingeritzt. Diese ist dann vertieft aus dem Guss gekommen. Die Glocken, die die Zeit überdauerten, zeugen noch heute von dieser Art.

Etwa im 12. Jahrhundert hat man das Formen in die heute noch angewandte senkrechte Stellung gebracht, außerdem wird seit dieser Zeit die „Falsche Glocke“ in Lehm geformt und die Glockenzier aus Wachs auf diese erhaben aufgetragen.

Hanns Martin Rincker, Geschäftsführender Gesellschafter der Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn/Hessen

 
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pdf-Datei aus "GIESSEREI" Heft 3/2019 Seiten 76-80
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