Fachartikel

Trotz großer Herausforderungen wachsen Gießereien mittelfristig
von Josef Auer, Frankfurt/Main

Wer so viele tausend Jahre „auf dem Buckel“ hat wie die Gießereitechnik, findet in der modernen Zeit, die jenseits von Internet und Cloud Computing vieles als antiquiert und damit wenig spannend erachtet, kaum Interesse. Diese Stigmatisierung entpuppt sich aber bei näherem Hinsehen als wenig haltbar. Überdies birgt sie auch erhebliche Risiken, da sie auf Investitions- und Anlageentscheidungen ausstrahlen kann. Tatsächlich sind Gießereien nämlich in der modernen Welt unverzichtbar und damit systemrelevant. Das Kundenspektrum der Gießereien spricht Bände. Auf Gusstechniken greift nämlich keineswegs nur die Edelmetallindustrie zurück. Nichteisen- und/oder Eisenmetalle sind auch für die moderne Bauwirtschaft und praktisch alle Industriebranchen essentiell und nur selten substituierbare Bestandteile. Und Fortschritte in den Kundenbranchen sind oft eng verbunden mit Innovationen im Gießereibereich, da ohne diese neue oder auch nur bessere Metallqualitäten kaum erreichbar sind.

Produktion von Autotüren aus Strukturguss bei Georg Fischer in Herzogenburg, Österreich. Der Trend hin zum großformatigen Strukturguss in der Gießereibrache spart viele Arbeitsschritte und Kosten. FOTO: WARREN RICHARDSON

2016 sinkt die Fertigung der Gießereien infolge der nur verhaltenen Entwicklung der Hauptabnehmerbranchen real um etwa 2%. Die positive Entwicklung der heimischen Bauwirtschaft und auch der Autofertigung stützten zwar. Aber die ansonsten erfreulich hohe Auslandsaffinität von rund vier Fünfteln macht die Branche derzeit verwundbar. Deshalb belastet 2016 die global recht schwache Nachfrage nach Bautechnik sowie – ganz allgemein – das bisherige Stottern der Weltkonjunktur.

Sehr viel günstiger sind die Perspektiven der Gießereien im Zeitraum 2017 bis 2020. Hier sollten Produktionszuwächse um 2 % pro Jahr gelingen – so wie bereits im Zeitraum von 1995 bis 2015. Die Gründe für die weitaus bessere Mittelfristprognose sind vielfältig. Freilich spielen Erwartungen bezüglich der künftigen Zinsen, Wechselkurse, Metallpreise sowie des Fortgangs der Weltkonjunktur tragende Rollen. Von mindestens gleicher Relevanz für die Zukunftsaussichten ist jedoch die von uns (Deutsche Bank Research, die Red.) erwartete erfolgreiche Bewältigung großer Herausforderungen, die sich den Gießereien in den nächsten Jahren stellen.

Die Automobilindustrie fragt auch künftig zum Zwecke der Optimierung ihrer Fahrzeuge die unterschiedlichsten Gussteile nach. Der moderne Fahrzeugbau nutzt zur Bewältigung des Leichtbaudiktats nicht zuletzt auch innovative Gießereitechnologie. Der großformatige Strukturguss kann mittlerweile komplett gefertigte Großteile wie vollständige Autotürstrukturen liefern; das spart viele Arbeitsschritte und Kosten. Überdies machen Gießereien nicht nur traditionelle Verbrennungsmotoren immer leichter und effizienter, sondern tragen auch dazu bei, den langfristigen „Übergang zur E-Mobilität“ zu ermöglichen.


Josef Auer, Senior Economist, Deutsche Bank Research, Frankfurt/Main


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pdf-Datei aus "GIESSEREI" Heft 9/2016 Seiten 22-23
© Giesserei-Verlag GmbH Düsseldorf
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