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Interview: „Wir müssen Trends setzen und nicht nur aufarbeiten!“

In diesem Jahr ist Dr.-Ing. Götz C. Hartmann, Prokurist Engineering Business Development bei der MAGMA Gießereitechnologie GmbH in Aachen, Tagungsleiter der Fachtagung Gießtechnik im Motorenbau in Magdeburg am 29. und 30. Januar. Im Interview mit der GIESSEREI lässt er die Entwicklung der Veranstaltung über die vergangenen 20 Jahre Revue passieren, nimmt Stellung zu aktuellen Automobiltrends und zeigt auf, welche Rolle die Gießer dabei spielen.

„Der Austausch vom Entwickler zum Gießer ist das Alleinstellungsmerkmal der Tagung und funktioniert bis heute gut“ FOTO: ULRICH ZILLMANN

Die erste Fachtagung Gießtechnik im Motorenbau liegt 20 Jahre zurück. Wie hat sich die Veranstaltung entwickelt?
Die Anerkennung hat mit jeder Veranstaltung zugenommen. Die Teilnehmerzahl liegt jetzt relativ stabil bei 400 plus. Es gibt nicht so viele Tagungen, die langfristig so positiv angenommen werden. Ein Format einer kleinen, aber bedeutenden Tagung. Wenn in Magdeburg auch noch morgens um 2 Uhr an der Bar fachlich diskutiert wird, dann weiß man, wie wichtig diese Tagung für den freien, nicht von Geschäftsprozessen gelenkten Austausch ist.

Was zeichnet die Tagung aus, erkennen Sie ein Alleinstellungsmerkmal?
Die „Guss in Motoren“, wie die Tagung oft genannt wird, war von Anbeginn eine Veranstaltung, auf der Gießer und Motorenentwickler zusammengekommen sind und das ist bis heute das Erfolgsrezept der Tagung. Es gibt viele andere Tagungen, die mehr oder weniger zuliefererdominiert sind. Da fehlen die Entwickler. Der Austausch vom Entwickler zum Gießer außerhalb der alltäglichen Beziehung zwischen Entwickler und Zulieferer ist das Alleinstellungsmerkmal und funktioniert bis heute gut.

Welche Themen standen zum Start auf der Agenda?
Wir haben uns von Anfang an auf der Gießereiseite mit den Themen Werkstoffe und Gießverfahren beschäftigt. Das ist bis heute so. Der Gießer zeigt die Potenziale durch Werkstoffentwicklungen und Innovationen bei den Gießverfahren mit den Potenzialen, die da drinstecken. Im Grunde steht immer ein Appell der Gießer dahinter: „konstruiert etwas Komplexes, wir bekommen das schon hin“. In der anderen Richtung war es von Anfang an genauso. Die Entwickler von Motoren diskutieren auf der Tagung, was an Entwicklungen gerade im Portfolio ist: Anforderungen an Leichtbau, Spritverbrauch und die sich daraus ergebenden Forderungen an lokale Eigenschaften, Tribologie, Verschleiß. Man kann sagen, dass auf der „Guss in Motoren“ sowohl die Entwickler als auch die Gießer von Motorenkomponenten immer auf der gleichen Seite des Tisches standen – ihnen gegenüber: die möglichen Innovationen und Potenziale.

Welche Themen betrachten Sie als abgehakt?
Ich denke mal, grundsätzlich abgehakt ist kaum ein Thema. Werkstoffe und Gießverfahren entwickeln sich permanent weiter. Auch die Innovationschübe sind genauso wie vor 20 Jahren. Es ist eher so, dass noch etwas hinzugekommen ist. Ein Thema, das es allerdings so nicht mehr gibt wie vor 20 Jahren, ist die Diskussion um Aluminium oder Gusseisen im Pkw-Motor. Beim Lkw ist das ja keine Frage, aber für Pkw-Motoren war das eine intensive Auseinandersetzung. Aluminium- und Eisengießer haben sich über Jahre in Magdeburg stark beharkt. Das waren oft Diskussionen am Rande der Sachlichkeit und die Eisengießer sind oft schlecht gelaunt von der Bühne gegangen.

Vor zehn Jahren erschütterte der Ausbruch der Wirtschaftskrise die Welt. Hatte das Auswirkungen auf die Tagung Anfang 2009?
Es wurden deutlich weniger Autos verkauft und auf der Entwicklungsseite war es meiner Wahrnehmung nach etwas verhaltener. Die guten Gießereien haben die Krise für strategische Entwicklung genutzt, um sich auf die Zeit nach der Krise vorbereiten zu können. Wir hatten damals eine fast bipolare Situation mit Sorge und Ratlosigkeit auf der einen Seite und Aufbruchstimmung auf der anderen. Das hat vielleicht auch was mit typisch mittelständischen Managementvorstellungen zu tun. Nach der Krise sind wir mit doppelter Geschwindigkeit aus der Krise herausgekommen und leben seit acht Jahren in einer guten Situation, in einer permanenten Vorwärtsentwicklung.

Hat sich das Verhältnis zwischen Gießer und Entwickler im Laufe der Jahre verändert?
Kosten sind noch dominanter geworden als früher. Fakt ist, dass beim Einkauf von Leistungen seitens der OEMs immer sehr kleinteilig vorgegangen wird. Eine Entwicklungsleistung wird oft beim Entwicklungsdienstleister gekauft, eine Beratungsleistung beim Berater, ein Prototyp beim Prototyper und ein Werkzeug beim Werkzeugmacher. Man möchte sogar unabhängig voneinander insourcen. Der Prototyper soll am besten nichts mit dem Werkzeugbauer zu tun haben und der Serienfertiger am liebsten wenig mit der Entwicklungsdienstleistung, rein aus Kostengründen.


Das Interview führte Gerd Krause, Mediakonzept, Düsseldorf

 
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pdf-Datei aus "GIESSEREI" Heft 1/2019 Seiten 37-41
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