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Teil 1

3. Internationale VDI-Fachtagung

Digitalisierung, Car-Sharing, Vernetzung: Autohersteller entwickeln sich zunehmend vom reinen Produzenten zum Mobilitätsanbieter. Die Auswirkungen des Strukturwandels der Automobilindustrie auf die Gießereibranche waren Gegenstand der 3. Internationalen VDI-Fachtagung „Gießen von Fahrwerks- und Karosseriekomponenten 2018“ Ende Februar in Esslingen.

Wohin treibt die Automobilität? Tagungsleiter Univ.-Prof. Dr.-Ing. Martin Fehlbier vom GTK der Universität Kassel führte im Team mit Dipl.-Ing. Jean-Marc Ségaud von der BMW AG in Landshut durch die zweitägige Veranstaltung und stellte gleich zu Beginn einige Thesen zur Diskussion: „Der nachhaltige Trend zu Digitalisierung und Industrie 4.0 führt dazu, dass Autohersteller ihre Geschäftsmodelle modifizieren und zukünftig immer mehr zu Mobilitätsanbietern generieren. Das hat Auswirkungen auf die Zulieferkette, d. h. OEMs werden zukünftig weniger in Hardware investieren, der Gießer muss sich zunehmend vom reinen Gusshersteller zum Modullieferanten entwickeln.“ Auch die Finanzierbarkeit von Leichtbau sei begrenzt, der „funktionsintegrative Leicht- und Mischbau“ könnte hier eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung innovativer Fahrzeugkonzepte einnehmen und Gießern gute Chancen bieten, bestehende Marktanteile zu sichern sowie neue Marktsegmente zu erschließen – vorausgesetzt, bestehende Technologien werden neue Lösungsräume darstellen und anbieten können.

Ohne starke Automobilindustrie würde die deutsche Wirtschaft nicht gut fahren. Dr. Thomas Schlick, Senior Partner Automotive von Roland Berger in München, weist gleich zu Beginn seines Vortrags „Volumenentwicklung globaler Strukturbauteile und eine Prognose zum Anteil von E-Antrieben“ darauf hin, dass die Automobilindustrie mit ihren Zulieferern für 20 % der gesamten Industrieproduktion in Deutschland steht. Doch die Branche steht vor einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Seitdem immer schärfere Abgasgrenzwerte auf der Agenda der Umwelt- und Klimapolitik stehen, erst für den CO2-Ausstoß, dann zunehmend für Stickoxid und Feinstaub, rücken alternative Antriebskonzepte in den Fokus der Politik. Die Flotten-Emissionsziele können Autohersteller nur mit einem signifikanten Ausbau der Elektromobilität erreichen, ohne den Verbrennungsmotor dabei aus dem Blick zu verlieren.

Nach jahrelangem Stottern kommt der Motor Elektromobilität langsam in Fahrt. Ab 2020 wird nach einer von Roland Berger erstellten Prognose der Verkauf von Elektrofahrzeugen signifikant ansteigen und zunehmend von der Nachfrage nach rein batterieelektrischen Antrieben (BEV) getragen sein. Als Folge des steigenden Absatzes von BEV würden Hybridfahrzeuge als Übergangstechnologie längerfristig an Bedeutung verlieren.

Zusätzlich befeuert wird der Trend zu alternativen Antriebskonzepten durch den schweren, vielleicht irreparablen Imageschaden, den der Dieselmotor mit dem Abgasskandal erlitten hat. Dabei spielt der Diesel aufgrund seiner Effizienzvorteile gegenüber dem Ottomotor – geringer Verbrauch mit geringerem CO2- Ausstoß – vor allem bei schwereren Fahrzeugen der deutschen Autohersteller eine zentrale Rolle in der CO2-Reduzierung, wie auch Mobilitätsexperte Schlick herausstellt.

Mit der Elektrifizierung der Antriebe einher geht ein Paradigmenwechsel in der Produktion. Zahlreiche Komponenten von Motor und Antriebsstrang entfallen beim Wechsel vom verbrennungsmotorischen zum elektrischen Antrieb. Einige Bauteile speziell für E-Fahrzeuge kommen hinzu. Mit dem Wandel einher geht ein Trend zu umfassenden Leichtbaulösungen. Vor allem der Leichtmetallguss mit Aluminium kommt hierbei zum Zug. Weit weniger günstig sieht es für Eisen-Sandguss aus.

Kurbelwellengehäuse und Zylinderköpfe aus Aluminium sind schon heute Stand der Technik, parallel zum Ausbau der E-Mobilität setzt sich bei den Verbrennern die Substitution von Eisenguss durch Aluminium weiter fort. Weiteres Potenzial für Aluminiumguss bieten neue Komponenten wie Gehäuse für E-Maschinen, Getriebe und Batterie. Auch im Bereich Fahrwerk und Chassis hat Guss hohes Potenzial, wie Schlick deutlich macht. Mit dem Trend zu leichteren Materialien werden nach Ansicht des Beraters zwar auch Lösungen mit carbonfaserverstärkten Kunststoffen zunehmen, aufgrund der hohen Kosten aber ein Nischenmarkt bleiben.

Im Bereich Karosserie und Struktur im Volumenmarkt bleibt Stahl der Werkstoff Nr. 1, wie aus der Studie hervorgeht. Mit Strukturguss bietet sich Aluminiumgießern vor allem im Bereich der Premiumklasse deutscher Hersteller Potenzial. Allerdings erwarten die Experten von Roland Berger, dass auch hier der Wettbewerb durch Kunststoff und speziell Composite-Werkstoffe zunehmen wird.

Als Fazit der Studie fasst Roland-Berger-Autoexperte Schlick zusammen:

  • Gussbauteile werden trotz der industriellen Transformation zur Elektromobilität auch zukünftig in Bereich Powertrain, Fahrwerk und Karosserie gebraucht werden.
  • Elektrifizierung der Antriebe und Leichtbau haben die stärksten Auswirkungen auf die Automotive-Gießer.
  • Bis 2025 wird die Elektrifizierung hauptsächlich durch die gesetzliche Regulierung zur Emissionsreduzierung getrieben sein. Danach könnte der Trend zum autonomen Fahren die Nachfrage nach Komponenten für Elektrofahrzeuge ankurbeln.
  • Die kontinuierlichen Leichtbauanforderungen sind ein Treiber für Leichtmetallguss im Pkw. Allerdings können Hybridbauteile und Kunststofflösungen in Zukunft zu einer ernsthaften Konkurrenz zu Guss werden.
  • Mit der Einführung globaler Auto-Plattformen durch die OEM besteht auch für Gießer der Zwang, den Autoherstellern weltweit zu folgen.



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pdf-Datei aus "GIESSEREI" Heft 7/2018 Seiten 126 - 133
© BDG, Düsseldorf
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Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie, Redaktion kug.bdguss.de 2018 ®


Mit 240 hochkarätigen Teilnehmern und Ausstellern war die Veranstaltung im Neckarforum Esslingen wieder sehr gut besucht.

FOTO: GERD KRAUSE