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Tagung „Leichtbau in Guss“

Schwäbisches Allerlei

Die Tagung „Leichtbau in Guss“ in Nürtingen bei Stuttgart war abwechslungsreich und bot spannende Themen – freilich ohne besonders spezifisch zu sein. Höhepunkt der beiden Tage war zweifellos die Besichtigung der Mercedes-Benz-Gießerei in Mettingen.

Auch das ist eine beachtliche Leistung der Tagungs-Macher von „Leichtbau in Guss“ rund um Sabine Schuster vom veranstaltenden Carl Hanser Verlag aus München sowie Professor Wolfram Volk vom Garchinger Wissenschaftscluster um TU München und Fraunhofer IGCV: Den kurzfristigen Ausfall von Referenten nicht nur aufzufangen, sondern qualitativ hochwertige Ersatzthemen am Start zu haben.

So beispielsweise das Promotionsthema von Patrick Woisetschläger, dem „Beitrag zur Optimierung der Schichtanbindung bei thermisch gespritzten Zylinderlaufflächen im Verbrennungsmotor“. Nun ist dieses LDS-Verfahren (Lichtbogendrahtspritzen), mittels dessen Leichtmetall- Kurbelgehäuse mit einer harten und damit verschleißfesten Lauffläche für den Kolben ausgestattet werden, nicht neu. BMW produziert mit dem Verfahren seit Jahren solche Motoren in Serie – allerdings mit einem erheblichen Verbrauch von Wasser. So fokussiert die Promotion auch auf die konkreten Bedingungen: Die Optimierung des Prozesses liegt entsprechend im drastisch reduzierten Wasserverbrauch – dieser Pferdefuß des Verfahrens war unter den Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit zunehmend in den Fokus geraten.

Dass die Tagung in Nürtingen vergleichsweise BMW-dominiert war, ist angesichts der Nähe von Forschung und Industrie in der Landeshauptstadt München erstens nicht weiter verwunderlich und war zweitens thematisch auch sehr unkritisch. Im Gegenteil waren die Themen aus dem Dunstkreis des OEM besonders spannend: Neben dem gerade vorgestellten Thema auch ein weiteres Promotionsthema aus der BMW-Leichtmetallgießerei in Landshut, dass die „Automatisierte Bauteilbewertung durch die Inline-Computertomographie“ vorstellte. Maxim Schlotterbeck (Universität Magdeburg) zeichnete zunächst die Geschichte des Röntgens (seit 1998) mit dem Übergang zur teilautomatischen Auswertung und dem Übergang zur CT mit manueller Auswertung nach, bevor sie auf den Kerninhalt ihrer Promotion kam: Hier geht es um die Klassifikation von Gussdefekten und die Erarbeitung eines Klassifikationsmodells mittels Machine-Learning-Ansätzen.

Spannend war auch der Vortrag von Thomas Eisenbraun, Leiter Produktion Strukturteile in der Daimler-Gießerei Mettingen bei Stuttgart. So brach der Manager eine Lanze für die gegossenen Strukturteile, allen voran gegossene, leichte und belastbare Federbeindome für C- und S-Klasse. „Die Anforderungen steigen – und die Zusammensetzung des Produktportfolios wird deutlich breiter werden“, sagte Eisenbraun und nannte Eigenschaften wie Crashperformance, Maßhaltigkeit, Funktionsintegration und Komplexität. Und nannte die entscheidende Herausforderung für den OEM. „Wir brauchen die weltweite Verfügbarkeit von Strukturguss mit einheitlicher Lieferantenqualität – und dies bei künftig mehr Produktanläufen in kurzer Zeit“, sagte Eisenbraun. Aufgabe der Stammgießerei Mettingen ist, den weltweiten Lead zu übernehmen – und damit Standards und Prozesse auf alle Standorte und Lieferanten vor Ort auszurollen.

Zweifellos ein absolutes Highlight der Tagung war dann die Besichtigung des Standortes Mettingen, wo die Entstehung der Federbeindome in einer Druckgießanlage ebenso zu erleben war wie weitere Verfahren. Mit durchaus überraschenden Einsichten. Etwa, wenn beim Gießkarussell zur Produktion von Vierzylinder-Köpfen das Einlegen neuer Kerne sowie das Sauberblasen der Form mittels Druckluft manuell von einem Mitarbeiter geleistet wird.

Dass „Leichtbau in Guss“ thematisch eher etwas unspezifisch war und eher eine große Breite an Branchenthemen abdeckte, lässt sich indes auch als Bereicherung interpretieren: Nicht nur der Eisenbraun- Vortrag verließ die Ebene des kleinteilig-betrieblichen und blickte über den Tellerrand hinaus. Natürlich auch auf das (unvermeidliche) Thema Elektromobilität. Etwa, wenn Andreas Fant, BMWGetriebespezialist aus Dingolfing, die resultierenden Herausforderungen skizzierte: Alles parallel entwickeln zu müssen, weil man heute nicht weiß, was sich in einigen Jahren durchgesetzt haben wird.

Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch unbedingt die beiden Vorträge zu China bzw. zur neuen Seidenstraße, die auf den globalen Vergleich verweisen. „Ich will niemandem weh tun, aber alle Gießer, die hier sind, hätten riesige Probleme, die chinesischen Umweltauflagen zu erfüllen. In neueren chinesischen Gießereien kommt die Luft sauberer raus, als sie reingeht“, führte etwa China-Spezialist Konrad Weiß (RWP GmbH) aus und Heiko Lickfett, Volkwirtschafts-Spezialist im Bundesverband der Deutschen Gießerei- Industrie, skizzierte Chinas neue Seidenstraße und sagte unter Verweis auf Chinas Investitionen in Europa, beispielsweise in Italien: „Es entstehen neue Abhängigkeitsverhältnisse“, verbunden mit dem Appell an die Branche: „Wir müssen uns auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren: Wie können wir noch besser werden?“

Grafik:BMW